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Fassade zur Murtenstrasse. Die Aufnahme entstand vor 1890 und zeigt die Häuser noch ohne Balkonvorbauten. Auf dem Dach gut sichtbar das Oberlicht über den Treppenhäusern (Burgerbibliothek Bern, FN.G.E.803)
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Blick über die Murtenstrasse, wohl in den 1920er-Jahren. Neu sind die Balkonvorbauten sowie die Dekorationen zwischen den Mansardenfenstern (Burgerbibliothek Bern, FN.G.E.801)
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Mansardenfenster unter dem profilierten Dachgesims. Die Dekoration überspielt die Fugen der grossen Sandsteinquader (Foto E. Schneeberger)
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Mehrschichtig gedachte Fassadendekoration: Über einer Bänderung gliedern Fensterbankgesimse die Fassade in der Waagrechten. Die glatten Lisenen sind über diese Struktur gelegt (Foto E.Schneeberger)
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5. Ansicht Seite Murtenstrasse. Die Häuserreihe besass wohl bereits ursprünglich und an beiden Schmalseiten zweigeschossige Vorbauten (Foto E.Schneeberger)
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Murtenstrasse

Abriss Mietshausreihe Murtenstrasse 20-30

Überbauungsordnung stellte die Weichen

In den Jahren 2006–2008 setzte sich der Heimatschutz im Planungsverfahren für die Überbauungsordnung Murtenstrasse 10–66 vergeblich dafür ein, das schützenswerte Baudenkmal in die neue Struktur zu integrieren. Er konnte die Entlassung der Reihen-Mietshäuser aus dem Bauinventar nicht verhindern – zu gross war der wirtschaftliche Druck. Mit der deutlichen Annahme der Überbauungsordnung an der Urne 2008 wurden die Weichen für den Abbruch gestellt. Jetzt sind die Hauser abgerissen.

Zeuge des Stadtwachstums

Der langgezogene Baukörper gehörte zu den frühen Mietshausreihen in der Stadt Bern. Im 19. Jahrhundert wurde die Etagen-Mietwohnung zur Wohnform der breiten Bevölkerung. Zwischen 1850 und 1920 entstanden in Bern zahlreiche Reihen-Mietshäuser, die das damalige rasche Wachstum der Stadt widerspiegeln und heute aus dem Stadtbild nicht wegzudenken sind.

6 x 3 x 2  Zweizimmerwohnungen

Die Reihe an der Murtenstrasse umfasste sechs weitgehend unabhängige Mietshaus-Einheiten, von denen jede im ursprünglichen Konzept auf drei Geschossen je zwei Wohnungen mit zwei Zimmern und einer grossen Küche enthielt. Zuoberst, im Mezzaningeschoss, befanden sich Mansarden. Die Grundrisse waren gespiegelt angeordnet; je zwei Treppenhäuser der vier mittleren Einheiten stiessen aneinander und verfügten über einen gemeinsamen Lichthof, der aussen an den Oberlichtern im Dach erkennbar war.

Ein repräsentativer Auftritt

Die relativ grosszügige Erschliessung und die sorgfältige Gestaltung in klassizistisch geprägten Historismusformen lassen vermuten, dass Baumeister Probst nicht für Arbeiter, sondern wohl für eine Mieterschaft aus der Mittelschicht plante. In der Sandsteinfassade nahm das Auge hinter den jüngeren Balkonanbauten erst auf den zweiten Blick den subtilen, mehrschichtig gedachten Raster wahr, der die sechs Hauseinheiten gestalterisch zu einem einzigen Baukörper verband. Die als dekoratives Band über die Fassade laufenden Fensterbankgesimse betonten die Waagrechte; in der Senkrechten waren glatte Lisenen über diese Struktur gelegt.

Gebiet im Umbruch

Zwanzig Jahre nach dem Verlust der Kocherhäuser verschwand nun ein weiterer Bauzeuge aus dem Stadtbild , der die Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts entlang der Verkehrsachse Laupenstrasse – Murtenstrasse ablesbar machte. Für das Quartier ist die geplante Nutzungsänderung – Wohnungen machen Labors Platz – ein erheblicher Eingriff.  Schliesslich wird das geplante Laborgebäude, welches das Parking- und Fachhochschulgebäude überragt, das Strassenbild markant verändern. Es ist Vorbote eines städtebaulichen Wandels, der in den nächsten Jahrzehnten im Gebiet des Inselspitals stattfinden wird.

Links: Bauinventar der Stadt Bern ; Neubauprojekt Murtenstrasse

Text: Elisabeth Schneeberger

Quellen:

Bauinventar Holligen 1996–1998, Erstbearbeitung: Siegfried Moeri u.a., hrsg. von der Denkmalpflege der Stadt Bern 1998.

Biland, Anne-Marie, Das Reihen-Mietshaus in Bern 1850–1920, Bern 1987 (Archiv des historischen Vereins des Kantons Bern, Bd. 71).

Hauser, Andreas, und Röllin, Peter, Bern: Architektur und Städtebau 1850–1920, Sonderpublikation aus: Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850–1920 INSA, Bd. 2, Zürich 2003.